Berichte

Eine Klassenfahrt ist lustig (von Gabriele Frydrych in E&W 4/99).................

"Schönen Urlaub!" wünscht mir die nette Elternvertreterin, als ich zu meiner Klasse in den Bus steige. Klassenfahrt =Urlaubszeit?

Na klar doch, Recht hat sie. Statt Unterricht habe ich jetzt 14 Tage lang zusätzliche Ferien, und damit rund um die Uhr eine idyllische Zeit. Kein Ärger, kein Stress, keine Korrekturen. Keine Vorbereitungszeit und keine Konferenzen. Unterwegs mit 25 sympathischen Jugendlichen, die ruhig den Bus besteigen, keiner streitet und kloppt sich um die besten Plätze, niemand zermüllt seine nähere Umgebung mit Chips-Tüten und Cola- Dosen.

Alle haben natürlich ihren Pass dabei, und wir müssen nicht zusätzliche 30 Minuten warten, bis auch die letzten Reisedokumente am Bus eingetroffen sind. Niemanden wird während der Fahrt schlecht, weil sich alle sinnvoll mit Obst und leichten Snacks ernähren, anstatt mit den umfangreichen Süßigkeitsvorräten ein Wettessen zu veranstalten oder an reingeschmuggelten Bierdosen zu nuckeln. Im Oberdeck würde es keinem Schüler auch nur im Traum einfallen zu rauchen! Alle unterhalten sich friedlich, anstatt sich mit lauter Walkman- Musik zuzudröhnen.

Alle Eltern haben pünktlich das Geld auf das Klassenfahrtskonto überwiesen, niemand hat es mir in letzter Minute vorm Bus in die Hand gedrückt oder wird es nach der Fahrt irgendwann mal zähneknirschend oder auch gar nicht zahlen. Alle Schüler der Klasse dürfen mitfahren, selbst die muslimischen Mädchen. Wir Lehrer mussten keine langwierigen Hausbesuche unternehmen, um strengere Väter und noch viel strengere große Brüder wortreich davon zu überzeugen, dass wir die Ehre der Mädchen ganz besonders intensiv bewachen werden.

Alle Schüler haben soviel Taschengeld mit, wie es die Eltern vorher abgesprochen haben. Keiner bunkert stille Reserven von Oma oder Opa im Kulturbeutel, mit denen er am Zielort den finanziell eingeschränkteren Mitschülern so richtig weltmännisch seine Kaufkraft beweisen kann.

Entspannt lehne ich mich im Sitz zurück und träume weiter.....

Alles ist ruhig und harmonisch. 14 Tage lang werde ich viel schlafen können, viel mehr als daheim. Mittags schicke ich die Kinder ins örtliche Schwimmbad, irgendein Bademeister wird da schon aufpassen. Nachts müssen wir Kollegen im Flur nicht stundenlang Wache schieben, weil alle Schüler brav zur festgelegten Zeit ins Bett gehen   und das Licht löschen. Es gibt keinen nächtlichen Wildwechsel zwischen Jungs~ und Mädchenzimmern. Niemand seilt sich mit Bettlaken aus dem 1. Stock ab, um der berüchtigten Dorf-Disco einen Besuch abzustatten.

Meine Träume werden unsanft unterbrochen, weil der Bus plötzlich bremst. Eine Stunde lang stehen wir im Stau. Aber das ist kein großes Problem, weil unsere Kinder in der Zwischenzeit nett mit anderen Autofahrern flirten  (und ihnen dabei selbstverständlich keine obszönen Fingerspiele vorführen.) und friedlich warten, was geschieht. Niemand meckert, niemand gibt den Lehrern die Schuld am Stau ( "Sie hätten ja auch eine andere Strecke fahren können!"). Ich muß nicht ständig gebetsmühlenartig dieselben Fragen entnervter und aggressiver Schüler beantworten. "Wann fahren wir denn endlich weiter? Wann machen wir eine Raucherpause? Wann kommen wir an? Wie lange dauert es denn  n o c h ???"

 

Auf der englischen Fähre erübrigt es sich, halbleere Whiskeyflaschen zu konfiszieren, denn natürlich halten sich alle an das absolute Alkoholverbot,  auch wenn der "Stoff" im Duty-Free-Shop so verführerisch billig ist. Wir müssen auf dem Schiff keine deutschen Streithähne von französischen trennen und keine erbitterten Debatten über die Zimmerbelegung vor Ort führen.

Sieh da, am englischen Zielort gibt es mehrere Piercing-Studios, die viel preiswerter als die deutschen Dependancen sind. Aber selbstverständlich würden unsere Schüler niemals auf die Idee kommen, sich heimlich in der Mittagspause Löcher in Zungen und Bauchnabel stanzen zu lassen. Sie wissen ja, dass Selbstverstümmelung zu unschönen Schwellungen, Entzündungen und zu großem Ärger führt..............

Am englischen Essen mäkelt niemand herum. Unsere Schüler sind weltoffen und tolerant, keiner jammert nach Muttis Küche. Alle essen widerstandslos auch Obst, Salat und Gemüse - nicht nur Fish and Chips.

Wir Lehrer müssen kein einziges Wort über Körperpflege verlieren, weil unsere lieben Kleinen reinlich und sauber sind. Es bedarf keiner mehr oder weniger sanften Aufforderung, nach einer Woche vielleicht doch mal die Socken zu wechseln (und geruchs- sicher zu verstauen....) oder hin und wieder Seife und Deo zu benutzen. Alle Schüler erledigen kampflos ihre Haushaltspflichten, kein Junge würde seinen Putzdienst großzügig den Mädchen überlassen.

Unser liebevoll arrangiertes Kulturprogramm wird interessiert und dankbar angenommen. Niemand schnarcht unhöflich im Bus, wenn die Reiseführerin London erklärt, niemand schlurft mürrisch und vorwurfsvoll durch englische Schlösser und Museen oder stört den historischen Vortrag im Burghof durch abfällige Bemerkungen und hysterisches Gekicher. Niemand käme auf die lebensmüde Idee, auf der Schlossmauer über den finsteren Abgrund zu balancieren oder sich auf den letzten Zentimetern der Steilküste herumzubalgen und zu schubsen......

Der Schmetterlingsbestand im Freiflugraum wird nicht reduziert, die Strandpromenade nicht mit Graffitis verziert, und im örtlichen Einkaufszentrum bezahlen alle Schüler immer artig, was sie mitnehmen wollen. Bei Verabredungen halten alle rücksichtsvoll die Zeit ein, weil es für die Gruppe ärgerlich wäre, ständig auf dieselben Nachzügler warten zu müssen. Außerdem würde es die Laune des Lehrerpersonals empfindlich verschlechtern.

Das soziale Leben verläuft ohne größere Konflikte. Auf Ausflügen wirft niemand mit Steinen un verletzt den Bettnachbarn am Kopf. Keiner führt fanatische Politdiskussionen und muss deshalb vor Prügeleien gerettet werden. Wir brauchen keine behutsamen Gespräche mit frisch Verliebten zu führen, damit die ihre sexuellen Aktivitäten noch einige Tage aufschieben. Schließlich haben wir nicht nur den türkischen Eltern zugesichert, dass das eine " jugendfreie" Fahrt wird.

Nach 14 ereignisreichen Urlaubstagen kommen wir fröhlich und erholt zurück. Alle Schüler verabschieden sich freundlich vom Personal, keiner rennt einfach weg und läßt uns wie Trottel im Schulhof stehen. Wir müssen nicht zwei Stunden lang warten, bis auch die letzte Schülerin endlich von ihren Bezugspersonen abgeholt ist. Die nette Elternvertreterin fragt, ob der Urlaub auch schön war. Wir Lehrer lächeln still vor uns hin! Wir träumen nämlich längst von unserer nächsten Klassenfahrt und können es kaum erwarten, deren Organisation in die Hand zu nehmen!

 

Hallo Gabriele Frydrych - den londonerfahrenden Kollegen/innen und mir selbst kommt verdammt viel bekannt vor!

P. Josepeit

Anmerkungen:

-1- Die Autorin Frau G. Frydrych hat mir freundlicherweise persönlich erlaubt, diesen Bericht auf der HP zu verwenden...

-2- Die vergnügliche Glosse weckt sicherlich das Interesse auf >Mehr<. Seit Mai/Juni 2005 kann jeder sich diesem Wunsch selbst oder seinen/ihren Kollegen (Geschenktipp!) erfüllen, und zwar mit der “Pflichtlektüre”- nicht nur für alle Lehrer/-innen!

                                    Viel Spaß bei der Lektüre- nicht nur für LehrerInnen

                 -1-     “Du hast es gut!”                                              ISBN 3-8334-2819-8 -

                                 Glossen aus dem Schulalltag

 

                -2-     “Dafür hast Du also Zeit !”                               ISBN 10: 3-8334-6269-8 -

                                Wenn Lehrer zu viel Spaß haben!

                                      Die beiden genannten Bücher sind in einer zusammengefassten Neuauflage erschienen -08 / 2010

                        -3-       “Von Schülern, Elter und anderen Besserwissern”

                                 Aberwitz im Schulalltag                             ISBN : 9783492254588  

                                                               

             Warnung ³:

            >Wer bei der Lektüre - LehrerInnen, Eltern, SchülerInnen - Bauchschmerzen bekommt, muss den Fehler zunächst bei sich selbst suchen.<                   

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